Tag 2: Anders sein vereint

Der Wecker klingelt um 23:00 Uhr (Hamburger Zeit), im Gebäude +26°C, auf der Straße -26°C und Pulverschnee, zum Frühstück dicke Bockwurst mit Makkaroni, wahlweise auch Kascha – wo sind wir? Ach ja, in Jakutsk, im Fernen Osten Russlands. Nach ca. 11stündiger Schlaf- zumindest Ruhephase verspricht der 2. Tag mit Schulbesuch und Informationen zu Sprache und Kultur Jakutiens, Schulführung, Russischunterricht, Maultrommelspiel und Museum für nationale Kunst Jakutiens ein vielfältiges aber für einzelne Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch herausforderndes Programm.

 

Die gemischten Gefühle hinsichtlich der bevorstehenden Aktivitäten auf der Hinfahrt mit Konstantin in seinem gelben Schulbus verflüchtigen sich bereits beim Betreten des Sacha-Gymnasiums und dem Zusammentreffen mit den Schülern und Lehrkräften. Im Deutschkabinett führt uns Stepan, der Lehrer für jakutische Sprache, in die Geschichte und Kultur Jakutiens ein. Im Sprachenwirrwarr aus Jakutisch, Russisch und deutscher Übersetzung bleiben einige Informationen auf der Strecke. Dass Jakutien mit ca. 1 Million Einwohnern 6 Mal so groß wie Frankreich ist und Großbritannien die Permafrostrepublik 13 Mal ausfüllen würde, erstaunt dann doch alle. Während des Unterrichts werden wir von einem jakutischen Fernsehteam aufgenommen. Bald kennt uns die gesamte Republik Jakutien. Aus diesem Grund begeben wir uns nach der Stunde in die Sporthalle, in der wir uns morgen auf einem Handballturnier mit Mannschaften vom Sacha-Gymnasium und einer anderen Bildungseinrichtung für Menschen mit Behinderung messen werden. Eine kurze spontane Trainingseinheit mit Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums gelingt ausgesprochen gut, obwohl wir das erste Mal zusammentreffen. 

 

„Erstellt einen Entwurf für eine interessante und ansprechende Internetseite zum Thema 7 Wunder Jakutiens“ – so lautet die Aufgabe in der anschließende Russischstunde. Eigentlich eine machbare Aufgabe, wäre da nicht die besondere inklusive und sprachheterogene Zusammensetzung der Gruppen. Es geschieht ein kleines Wunder. Nach 45 Minuten sind vier Entwürfe auf DIN A3-Plakaten fertig und werden von den Teilnehmern auf Deutsch und Russisch vorgestellt.

 

Das Spiel auf der Maultrommel unter Anleitung der Musiklehrerin sorgt für Lippenkrämpfe und metallischen Geschmack auf der Zunge, das Ergebnis der ersten jakutischen Musikstunde kann sich aber trotzdem hören lassen. Nach dem Mittagessen und einer Ruhepause, die einige Schülerinnen und Schüler schnarchend im chilligen Ruheraum der Schulpsychologin verbringen, bringt uns Konstantin mit seinem gelben Schulbus zum Museum für nationale Kunst Jakutiens.

 

Eine spürbare Müdigkeit kann durch per App animierte Kunstwerke aus dem 19. und 20. Jahrhundert teilweise überwunden werden. Es halten aber alle durch. Ein Spaziergang durch das alte Jakutsk mit Besuch einer Russisch-Orthodoxen Kirche und kleineren Schneepulverschlachten (Schneebälle wehren sich bei -19°C erfolgreich gegen ihr Dasein) geht ein ereignisreicher Tag dem Ende entgegen. Auf dem Rückweg ins Rehabilitationszentrum dreht Konstantin in seinem gelben Schulbus „Moskau, Moskau“ von Dschingis Khan auf volle Lautstärke. Im Refrain singen alle „Wirf die Gläser an die Wand, Russland ist ein schönes Land, ha, ha, ha, ha, ha!“. Anders sein vereint, erste Brücken zum Dialog wurden gebaut. Ein unvergesslich schöner Tag!

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