· 

Tag 8 und 9: Int. Frauentag und Abschlussfest

Am Feiertag sind wieder die Familien bzw. die Gastgeber für die Programmgestaltung verantwortlich. Es ist rührend, wie sich insbesondere die Gasteltern darum bemühen, den Hamburger Gastschülerinnen und Gastschülern ein besonderes Programm zu organisieren. Vivien aus der 7. Klasse feiert an diesem Tag auch noch ihren 13. Geburtstag. Die Gastfamilie überrascht sie mit einem Geburtstagstisch mit traditionellen jakutischen Geschenken. Nach dem Geburtstagsfrühstück besucht die Familie ein ethnographisches Museum, in dem Vivien von einer Schamanin in die Welt der jakutischen Rituale eingeführt wird. Ein Besuch in einer Eisstadt rundet diesen besonderen Geburtstag ab. Andere Teilnehmer gehen mit ihren Gastgebern auf die Bowlingbahn. Die Deutschlehrerin Izolda vom Sacha-Gymnasium lädt ihre Schulleiterin, meine Kollegin und mich in ihr Dorf ein, das sich ca. 60km von Jakutsk entfernt auf der anderen Seite der Lena befindet. Sie hat dort ihre Kindheit verbracht, ihre Mutter und ihre Schwester sind in dem Dorf geblieben. Die Schwester empfängt uns in einem modernen, typisch jakutischen Holzhaus, das sie mit ihrer Familie bewohnt. Die dicken Holzwände strotzen jeder Kälte und erzeugen eine angenehme Atmosphäre. Das Haus wird mit Gas beheizt und die Einrichtung im Inneren ist modern und technisch auf dem neusten Stand. Auf dem Grundstück stehen eine beheizte Garage und eine Banja (russische Sauna) und es ist auch ausreichend Platz für Beete, auf denen in dem kurzen Sommer Kartoffeln, Gurken und anderes Gemüse geerntet werden. Für den Winter werden verschiedene Beeren und Pilze gesammelt und eingemacht. Das Fleisch kommt auch zum Teil aus der eigenen Schlachtung von Pferden und Rindern oder auch von der Jagd. Der Fisch wird selbst geangelt. Somit ist die Mehrheit der ca. 2700 Dorfbewohner Selbstversorger, zumindest mit den Grundnahrungsmitteln. Weitere Produkte und Haushaltswaren sind in dem Dorf günstiger als in Jakutsk, da auf der Seite der Lena seit einigen Jahren eine Eisenbahnstrecke verläuft, auf der Waren aus anderen Regionen angeliefert werden. Da es jedoch keine Brücke über die Lena gibt, kann der Transport in die Stadt im Winter nur per Lkw über die Eistrassen und im Sommer per Fähre erfolgen.

 

Nach einem reichhaltigen Mittagessen mit der ganzen Familie mit typisch russischen und jakutischen Speisen führt uns Izolda in die „Dorfschule“. Nach einem kurzen Fußmarsch durch knirschenden Schnee, vorbei an den bereits etwas verfallenen Holzhäusern der alten Schule, stehen wir vor einem großen, modernen Schulgebäude, umgeben von verschiedenen Sportanlagen. Der Schulleiter empfängt uns trotz Feiertag und zeigt uns voller stolz seine Schule, die vor einigen Jahren eingeweiht wurde und Platz für aktuell 427 Schülerinnen und Schüler von Klasse 1-11 bietet. Die Ausstattung ist wirklich sehenswert. Jeder Klassenraum verfügt über ein interaktives Whiteboard, es gibt 2 Sporthallen, 3 Sprachlabore und einen Informatikraum mit hochwertig ausgestatteten Computerarbeitsplätzen. Die Aula und die Bibliothek bieten ausreichend Platz für vielfältige Aktivitäten, die Flure sind hell und sauber. Insgesamt eine sehr angenehme Lernatmosphäre. In vielen Dörfern Jakutiens sind in den vergangenen Jahren derartig ausgestattete moderne Schulen entstanden,  um der auch in Russland herrschenden Landflucht entgegenzuwirken. Die Familie von Izolda kann sich jedenfalls kein anderes Leben als auf dem Dorf vorstellen und die Kinder profitieren von der staatlichen Investition in Bildungs- und Freizeiteinrichtungen.

Im Anschluss besuchen wir ein Gestüt mit 4 hochwertigen Rennpferden, die während der Wintermonate in einem Stall gehalten und für Pferderennen trainiert werden. Die kleineren sehr widerstandsfähigen jakutischen Pferde bleiben hingegen den ganzen Winter draußen, wobei sie Tag und Nacht stehen, da sie im Schnee bei -50°C sonst erfrieren würden. Die jakutischen Pferde sind Nutztiere, Fleisch- und Haarlieferant. Auf einem einfachen Pferdeschlitten drehen wir eine Runde über einen angrenzenden kleinen zugefrorenen Fluss, auf dem auch wieder eine Wasserstelle für Pferde und Rinder eingerichtet ist. Begleitet werden wir von 2 Dorfhunden, die auch den ganzen Winter draußen sind. Der Sonnenuntergang über den verschneiten Wiesen, Wegen und Feldern verstärkt die ohnehin schon eindrucksvolle Dorfromantik. Auch wenn die Temperatur mittlerweile wieder auf unter -30°C gefallen ist, kann man sich ein Leben hier vorstellen.

Am Freitagmorgen arbeiten die Schülerinnen und Schüler an Plakaten zum Thema „Brücken zum Dialog“, die beim Abschlussfest präsentiert werden. Im Anschluss ist Freizeit für einen letzten Stadt- und Geschäftebummel. Bei der Abschlussfeier am Nachmittag in der Aula werden selbst erstellte Diashows und kurze Videofilme zu den Erlebnissen der zurückliegenden 7 Tag präsentiert. Kleine musikalische Beiträge und Danksagungen lockern das Programm auf und nach einem „Freundschaftstanz“ folgen kurzweilige Spiele in gemischten deutsch-russischen Gruppen. Bevor es am Abend in die Gastfamilien geht, rundet eine Disco den letzten Tag im Sacha-Gymnasium ab. Mit etwas Wehmut verlassen alle gegen 19:00 Uhr das Schulgebäude. 

Auch wenn in der WhatsApp zu lesen ist, dann einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht zurück nach Hamburg möchten, treffen wir uns am Samstagmorgen um 07:00 Uhr am Flughafen Jakutsk. Das Thermometer zeigt wie am ersten Tag -35°C, die einem jedoch nicht mehr so kalt vorkommen. Der Flug über Moskau nach Berlin verläuft reibungslos und nach einer ca. zweistündigen Zugfahrt treffen wir pünktlich um 17:25 Uhr bei ca. +12°C am Hamburger Hauptbahnhof ein. Nach jakutischer Zeit ist es mittlerweile 1:30 Uhr nachts. In den hinter uns liegenden ca. 17 Stunden haben wir einen Temperatursprung von fast 50°C gemacht. Alle steigen gesund aber etwas müde aus und werden von den wartenden Familien herzlich begrüßt. Eine ereignisreiche Reise geht zu Ende. Die Erlebnisse werden sicher noch lange nachwirken. Der Gegenbesuch der jakutischen Schülergruppe ist für November geplant. Bis dahin wird der Austausch über eine vor und während der Begegnung eingerichtete Website fortgesetzt, die in den kommenden Wochen online geht. Weitere Brücken zwischen Hamburg und Jakutsk, zwischen Deutschland und Russland sind entstanden.

 

Gefördert durch: